Donnerstag, 30. Juni 2016

Sind die kontinentaleuropäischen Fintech-Standorte Profiteure des Brexit?

Von Ralf Keuper

Die Frage, ob die kontinentaleuropäischen Fintech-Standorte wie Frankfurt, Luxemburg, Berlin oder Amsterdam von einem Brexit profitieren, wird unter Branchenbeobachtern und -insidern schon seit Monaten heiß diskutiert. Nun, nachdem die Entscheidung gefallen ist, sehen viele schon Frankfurt oder Berlin als Profiteure des Brexit. Großer Verlierer ist nach gängiger Meinung London. 

Was hat es damit auf sich?

Dass der Brexit nicht zwangsläufig zu einem Bedeutungsverlust der Londoner bzw. der britischen Fintech-Szene führen muss, hob das Adam Smith Institute vor einigen Wochen in There's as Reason Fintech Companies like the European Union hervor. Sollte es zu einem Brexit kommen, so der Autor Tim Worstall, könnten die britischen Fintech-Startups den Zugang zum kontinentaleuropäischen Markt durch eine Niederlassung in Dublin aufrecht erhalten. Die Regelung, auf die der Beitrag anspielt, ist das sog. EU-Passporting. Danach können Banken, die in ihrem EU-Herkunftsland eine Zulassung der dortigen Bankaufsicht haben, Niederlassungen in einem anderen EU-Mitgliedstaat gründen oder dort grenzüberschreitend ihre Dienstleistungen anbieten, ohne ein gesondertes Zulassungsverfahren im Aufnahmeland durchlaufen zu müssen. Das könnte also ein mögliches Schlupfloch sein.

Wie steht der Finanzplatz London derzeit da?

Erst vor wenigen Wochen wurde bekannt, dass London New York als größtes Finanzzentrum der Welt überholt hat. Frankfurt, das sich gerne als wichtigster oder größter Finanzplatz Kontinentaleuropas bezeichnet, belegt derzeit den 19. Platz weltweit - nach Zürich (Platz 7) und Genf (18). Frankfurt hat als Fintech-Standort unter Gründern nicht den besten Ruf. Statt Aufbruchstimmung herrsche, so die FAZ vor einiger in Zeit in Zu teuer, zu konservativ: Frankfurt frustriert Fintech-Startups Ernüchterung. Einen Mangel an Gründergeist und eine geringe Unterstützung durch die Regierung bzw. die Stadt sagt man London nicht nach. Ob die jüngsten Initiativen der Frankfurter Finanzszene und der hessischen Landesregierung hier etwas dauerhaft verändern können, bleibt abzuwarten. Interessant in dem Zusammenhang ist das Working Paper Globale Finanzplätze im Vergleich. Frankfurt und Sydney zwischen Global City und lokaler Variation. Daraus geht u.a. hervor, dass, einem Bericht der Landesbank Hessen-Thüringen aus dem Jahr 2014 zu Folge, die Beschäftigtenzahl in den Finanz- und Versicherungsdienstleistungen in Frankfurt bis Ende 2016 von 64.900 auf 60.000 zurückgehen wird. Mit Blick auf die jüngsten Meldungen der Deutschen Bank über einen Personalabbau sowie über ähnliche Personal-Reduzierungen bei der DZ Bank erscheint dies plausibel. 

Neben Frankfurt, Luxemburg und Berlin rechnet man sich auch in Zürich einige Chancen aus, von möglichen Abwanderungen britischer Fintech-Startups profitieren zu können, wie es in Fintech nach dem "Brexit" heisst. In Zürich hoffen einige, dass das erwähnte EU-Passporting auf die Schweiz ausgedehnt werden könnte. Mit dem Bankenplatz Zürich, den renommierten Universitäten und dem hohen Ausbildungsniveau fühlt man sich dort anderen Standorten, wie Paris oder Berlin, deutlich überlegen. Was die Dynamik des Fintech-Standorts Schweiz betrifft, ist Marc Bernegger in seiner Bewertung in Man muss als Fintech nicht zwingend nach London oder Berlin zurückhaltender.


Vorläufiges Fazit

London, daran ändert auch der Brexit kaum etwas, ist das wichtigste Finanzzentrum weltweit. Auch wenn New York erneut an London vorbei ziehen sollte, ändert das wenig am Gesamtbefund. Insofern ist jedes Fintech-Startup in London gut beraten, sich den Schritt einer Verlagerung des Unternehmenssitzes nach Kontinentaleuropa reiflich zu überlegen. Eine solche Konzentration an Know How, an Kapital und Kunden ist in Europa sonst nirgends zu finden und es ist schwer vorstellbar, dass sich daran etwas in absehbarer Zeit ändert. Auch hier lohnt es, die historische Perspektive einzunehmen, wie Youssef Cassis in Metropolen des Kapitals. Die Geschichte der internationalen Finanzzentren. Laut Cassis legt die langfristige historische Analyse den Schluss nahe, dass der Aufstieg eines Finanzplatzes eng mit der Wirtschaftskraft seines Heimatlandes zusammen hängt. Nun kann man mit gutem Grund einwenden, dass Großbritannien mit dem Brexit seine Wirtschaftskraft schwächt und damit seine Stellung als Finanzzentrum und Fintech-Standort gefährdet. Andererseits aber dürfen wir davon ausgehen, dass die derzeitige und künftige britische Regierung sich der Bedeutung der Finanzindustrie für ihr Land bewusst ist und nach Wegen suchen wird, die Banken und Unternehmen im Land zu halten. In der Vergangenheit hat es an Initiativen jedenfalls nicht gefehlt. Beispielhaft dafür ist der Regierungsbericht FinTech Futures. The UK als a World Leader in Financial Technologies. Ganz allgemein ist die Frage berechtigt, ob Großbritannien mittlerweile nicht zu hohe Erwartungen an die Finanzindustrie richtet. 

Einen Exodus von Fintech-Startups und Banken im großen Stil wird es m.E. nicht geben. Das schließt nicht aus, dass es zu Verlagerungen kommen wird, wie sie in der Vergangenheit bereits vorgekommen sind, wie von Frankfurt nach London, man denke an die Deutsche Bank. Es könnte also durchaus sein, dass Frankfurt und Berlin von dem Brexit - in Maßen - profitieren. So lange London das führende Finanzzentrum der Welt bleibt und es zu keiner signifikanten Verschiebung in der Weltwirtschaft kommt, d.h. kein neues Zentrum erscheint, das London seine Rolle streitig machen kann, wird sich an dem Status quo indes wenig ändern. 

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