Dienstag, 5. Juli 2016

Anmerkungen zu Italiens Bankenkrise

Von Ralf Keuper

Nicht wenige Kommentatoren sehen nach dem Brexit auf die britischen Banken und die Fintech-Szene, wie überhaupt auf die Wirtschaft des Landes, schwere Zeiten zukommen. Es sieht ganz danach aus, als würde Italien den Briten die Show stehlen. Wie verschiedene Beiträge der letzten Zeit, wie in Italiens Bankenkrise ist selbst verschuldet, hervorheben, liegt bei den italienischen Banken derzeit einiges im Argen. Die Eigenkapitalausstattung der meisten italienischen Banken ist im Vergleich zu der anderer Banken im Euro-Raum unterdurchschnittlich, was auch daran liegt, dass über die Jahre hohe Ausschüttungen an die Aktionäre vorgenommen wurden, statt das Geld in die Rücklagen fließen zu lassen. Der Vergleich mit der Deutschen Bank in dem Beitrag hinkt jedoch. Zwar hat die Deutsche Bank im vergangenen Jahr keine Dividende gezahlt, jedoch ist das mit Blick auf ihren Status als derzeit "Gefährlichste Bank" der Welt, was das Systemrisiko angeht, ein recht schwacher Trost. Und auch die Commerzbank gibt wenig Anlass zur Euphorie, wie aus Commerzbank - Alarmstufe gelb hervorgeht. Zweifel an dem Turnaround der Commerzbank wurden auf diesem Blog vor einigen Monaten in Commerzbank: Wende geschafft? angemeldet. 
Probleme bereitet Italiens Banken auch der hohe Bestand an Staatsanleihen, für die (noch) kein Eigenkapital hinterlegt werden muss. Sollte sich deren Bewertung ändern, wie das die deutsche Bundesregierung präferiert, dann könnte sich auch hier die Situation rasch verschlechtern. Hinzu kommt noch eine nicht unbeträchtliche Zahl an ausfallgefährdeten Krediten, von denen laut FAZ und Finanzmarktwelt bisher nur die Hälfte als notleidend gekennzeichnet sei. 

Nun könnte man die momentane Krise auf dem italienischen Bankenmarkt als unangenehm, aber nicht wirklich dramatisch bezeichnen. Die Regierungen im Euro-Raum werden es kaum zulassen, dass Italiens Banken in akute Not geraten. Allerdings sind die Probleme tiefgreifender, als weithin angenommen. Wie Tobias Straumann in Die Achillesverse Europas schreibt, gibt die italienische Volkswirtschaft Grund zur Sorge. Seit Ausbruch der Finanzkrise sei die Industrieproduktion in Italien um 25 Prozent gesunken. Die Produktivität befindet sich landesweit auf einem erschreckend niedrigen Niveau. Straumann schreibt: 
Die neuste Untersuchung ist besonders beunruhigend, weil sie zeigt, dass die Produktivitätsprobleme besonders im Nordwesten (z. B. Fiat in Turin), dem industriellen Zentrum, zugenommen haben (Quelle). Es stimmt nicht mehr, dass das italienische Problem im Wesentlichen auf den Süden beschränkt ist.
Die Hoffnung, mit der Einführung des Euro würde sich die Produktivität der Länder der Euro-Zone angleichen, habe sich, so Straumann zerschlagen:
Viele haben gehofft, dass mit der Einführung des Euro der nötige Druck erzeugt werde, um einen Produktivitätsschub zu bewirken. Nur wenn die Politik die Probleme nicht mehr über eine Währungsabwertung hinausschieben könne, werde es besser, hiess es in den Neunzigern.
In dem Vortrag Die gegenwärtige Wirtschaftskrise in historischer Perspektive im Januar 2012 in Dortmund sagte der bekannte Wirtschaftshistoriker Werner Plumpe, dass für die Eurozone zwar kein historischer Vorläufer existiere, dem konkrete Empfehlungen für die Situation seit der Finanzkrise entnommen werden könnten. Trotzdem haben sich einige allgemein gültige Prinzipien herauskristallisiert, die durch die Erfahrung immer wieder bestätigt wurden. Demnach ist eine Währungsordnung ohne einen >Lender of last resort< , wie im Euroraum, auf Dauer nicht handlungsfähig. Aber auch dann ist der Erfolg eines gemeinsamen Währungssystems nur gewährleistet, wenn die Wirtschaftskraft der beteiligten Staaten in etwa gleich ist und der Konjunkturverlauf in den Ländern positiv ist. Bisher hat jedenfalls noch kein Währungssystem eine große strukturelle Krise überstanden, wie sie im Euroraum immer offensichtlicher wird. Daran schloss sich bisher stets ein neues Währungssystem an. Über Optionen sollte daher rechtzeitig nachgedacht werden.

Da stehen wir wieder bzw. immer noch. Die italienische Bankenkrise ist dafür nur der aktuellste Ausdruck. 

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