Samstag, 23. Juli 2016

Wie wichtig ist das Investmentbanking für eine Volkswirtschaft? #1

Von Ralf Keuper

Seit der Finanzkrise von 2008 steht die Frage im Raum, welchen Nutzen das Investmentbanking für eine Volkswirtschaft eigentlich noch hat. Überhaupt: Wie kompatibel ist das angelsächsisch geprägte Investmentbanking mit dem kontinentaleuropäischen Wirtschaftsstil?

Historischer Rückblick

Interessanterweise liegen die Wurzeln des Investmentbanking in Deutschland. Viele namhafte Investmentbanken in den USA wurden von deutschen Auswanderern gegründet, wie Goldman Sachs, Lehman Brothers und Kuhn, Loeb & Co. .

Letztere wurde unter Jakob Heinrich Schiff eine der führenden Investmentbanken der USA. Schiffs Kontakte aus seiner alten Heimat leisteten dabei wertvolle Dienste:
Mit dem wachsenden wirtschaftlichen Erfolg traten schon bald weitere Partner in die Bank ein, unter ihnen Jakob Heinrich Schiff aus Frankfurt am Main. Auf Grund seiner Kenntnisse und seines Netzwerkes im deutschen Finanzmarkt konnte Schiff erhebliches Kapital für aufstrebende amerikanische Unternehmen anziehen. Dieser Umstand ließ ihn bis 1885 zum unumstrittenen Leiter von Kuhn, Loeb & Co. aufsteigen. Unter Schiffs Führung wuchs das Bankhaus um die Wende von 19. zum 20. Jahrhundert zu einer der einflussreichsten Investmentbanken in den USA heran. Dies beruhte vor allem auf der engen geschäftlichen Verbindung von Kuhn, Loeb & Co. mit der stark expandierenden amerikanischen Eisenbahnindustrie (Quelle: Wikipedia)
In Deutschland sorgte Carl Fürstenberg, langjähriger Chef der Berliner Handels-Gesellschaft, dafür, dass die amerikanische Wirtschaft das führ ihr Wachstum dringend benötigte Kapital erhielt:
Es kennzeichnet die Pionierrolle und Weitsicht Fürstenbergs, dass er damals einer der ersten deutschen Bankiers war, der diese Notwendigkeit erkannte und schon im zweiten Jahre seiner Tätigkeit bei der Berliner Handels-Gesellschaft eine sechsprozentige Anleihe der Saint Louis und Sanz Franzisko-Eisenbahn in Höhe von zwei Millionen Dollar in Berlin auflegte. Die mit dem Eisenbahngeschäft beginnenden nordamerikanischen Finanztransaktionen sollten nur den Anfang bilden. Bis zum Ausbruch des Krieges wurde das nordamerikanische Finanzgeschäft ein ebenso festes Fundament der Berliner Handels-Gesellschaft wie das russische und serbische (in: Die Berliner Handels-Gesellschaft in einem Jahrhundert deutscher Wirtschaft 1856 - 1956)
Renaissance des Investmentbanking in Deutschland in den 1980er Jahren 

In Deutschland geriet das Investmentbanking erst in den 1980er Jahren wieder in das Blickfeld der Banken; allen voran die Deutsche Bank, die im Jahr 1986 mit der Übernahme der italiensichen Tochtergesellschaft der Bank of America den ersten Schritt in dieser Richtung vollzog. Später folgten die Übernahme von Morgan Grenfell und Bankers Trust. Mit der Hinwendung zum Investmentbanking war bei der Deutschen Bank die Hoffnung verbunden, sich in der internationalen Spitzengruppe der Banken zu etablieren und neue Erlösquellen zu erschließen. Das Ende der Deutschland AG, in deren Zentrum die Deutsche Bank über Jahrzehnte die Fäden zog, machte diesen Kurswechsel nach Ansicht der damaligen Leitung unter Alfred Herrhausen und F. Wilhelm Christians nötig. Um das Jahr 2000 zählte die Deutsche Bank im Investmentbanking bereits zu den Top Ten. Weit abgeschlagen waren dagegen Dresdner Kleinwort, die Commerzbank, die WestLB und die DG Bank.

Erneut Rufe nach einer Stärkung des Investmentbanking in Europa 

In letzter Zeit ist erneut die Klage zu vernehmen, die deutschen und europäischen Banken würden im Investmentbanking den Anschluss verlieren und die heimischen Unternehmen damit in die Abhängigkeit von US-amerikanischen Investmentbanken geraten. Ähnliche Stimmen gab es bereits im Jahr 1987/1988. Die Deutsche Bank übernahm zu der Zeit Morgan Grenfell. Später kam noch Bankers Trust hinzu. Das Institut sollte, wie wir heute wissen, an diesen Akquisitionen keine rechte Freude haben.

Trotz ihrer Erfahrungen will die Deutsche Bank nicht so ganz vom Investmentbanking lassen. Angestrebt wird nun eine führende Rolle auf dem europäischen Kapitalmarkt. Mangelnden Risikoappetit kann man der Deutschen Bank ohnehin nicht attestieren, ist sie doch laut IWF mit einem Exposure gegenüber Derivaten von ca. 75 Billionen Dollar die mit Abstand "gefährlichste" Bank der Welt; gefolgt von zwei weiteren europäischen Banken, der HSBC und der Credit Suisse. Unter den 10 gefährlichsten Banken der Welt stammen fünf aus Europa und fünf aus den USA. Der vermeintliche Rückstand der europäischen Banken erscheint damit in einem anderen Licht.

Investmentbanking in Asien: Unterrepräsentiert?

Es fällt auf, dass unter den Top 10 keine Banken aus Asien vertreten sind. Im Jahr 2003 begannen ausländische Investmentbanken sich von Japan zu verabschieden. Bekannte japanische Investmentbanken sind Mizuho Securities und Nomura. Nomura gab erst vor wenigen Monaten die Streichung von 600 Jobs in Europa bekannt. Einige Zeit sah es so aus, als wären die japanischen Investmentbanken die Gewinner der Finanzkrise, wie das manager magazin in Japan stürmt die Schlossallee vermutete. Der japanische Wirtschaftsstil wird noch immer stark durch die sog. Keiretsu beeinflusst, quasi das Gegenstück zur Deutschland AG. Das mag erklären, weshalb das Investmentbanking in Japan nicht den Stellenwert hat wie in den USA oder auch in Großbritannien. Der japanischen Wirtschaft, vor allem der Exportindustrie, ist das bisher nicht schlecht bekommen. Dieser Befund gilt in seinem Kern auch für Deutschland. 

Ein Sonderfall, nicht nur in Asien, ist China. Vor einigen Jahren beleuchtete Cuiping Pang in Investmentbanken in China: Performanz und Eigentumsformen die Rolle des Investmentbanking in China in den letzten Jahrzehnten. Neben staatlichen treten auf dem Markt  auch private Investmentbanken auf. Eine der bekanntesten chinesischen Investmentbanken ist die China International Capital Corp (CICC), die im November letzten Jahres den Gang an die Börse in Hong Kong wagte.

Kritik am Geschäftsmodell des Investmentbanking 

Es gibt Branchenbeobachter, für die sich das Geschäftsmodell des Investmentbanking überlebt hat, wie Mark Blyth in "The business model of investment banking is bust.

Sicher muss man beim Investmentbanking zwischen den verschiedenen Sparten/Disziplinen unterscheiden. Der Wertpapier- und Eigenhandel sind vom Risiko her anders zu bewerten als das Geschäft mit der Projektfinanzierung oder auch noch das M&A - Geschäft. Die Frage ist, ob und inwieweit sich das in der Praxis voneinander trennen lässt. 

Ein Problem scheint jedenfalls weiterhin zu bestehen: Die Anreiz- bzw. Bonussysteme. In einem Interview mit The Atlantic antwortet der ehemalige Investment- und Hedgefonds-Manager Sam Polk auf die Frage, ob sich seit der Finanzkrise etwas an der Wall Street geändert habe:
I don't think it changed things, although it could have. The main problem with Wall Street is distorted incentives. You get paid a lot of money if you do well, but if you lose a lot of money, you don't lose that money personally. So there's tremendous incentive to take big risks for big profits because there's no downside if it goes bad. When the government bailed out the banks, nothing bad happened to the executives at those firms. If it had, if those people had lost their jobs and experienced pain, then things might have gone back to the structure before the 1980s. Each of the major investment banks was separated from the consumer banks, and each of them was run as a partnership. If the firm lost money, then each of those partners lost money as well. There’s been this move towards public stock markets and quarterly earnings metrics and this intense pressure to grow earnings every single year that has led to the current state today.
Siegmund Warburg - zeitloses Investmentbanking 

Damit befindet er sich nicht weit von Siegmund Warburg entfernt, der nicht nur für Neil Ferguson einen Typ des Investmentbankers verkörperte, der noch immer nicht aus der Mode ist bzw. sein sollte. 

Deutschlands älteste Bank steigt in das Investmentbanking ein

In den letzten Jahren hat die ältestes deutsche Bank, die Berenberg Bank, den Schritt in das Investmentbanking vollzogen. Nicht alle scheinen mit der neuen Strategie einverstanden zu sein; jedenfalls wurde vor einigen Monaten das Zerwürfnis mit dem persönlich haftenden Gesellschafter und Vertreter der namensgebenden Familie, Joachim von Berenberg, bekannt. 
Zuletzt war die Entwicklung im Investmentbanking erfreulich, wie aus Berenberg legt im Firmenkundengeschäft zu hervorgeht. 

Zwischenfazit

Die Bankenlandschaft einer Volkswirtschaft ist Ausdruck ihres Wirtschaftsstils. Dieser ist in Kontinentaleuropa ein anderer als in den USA oder Großbritannien. Gleiches gilt für Länder wie China und Japan. Charakteristisch Deutschland ist das Drei-Säulen-Modell. Mit Fintech könnte ein weiteres Stilelement hinzu kommen. Allgemein gilt Deutschland als "Overbanked". Nicht alle teilen indes diese Ansicht, wie in Gibt es in Deutschland zu viele Banken?:
Nach einer Aufstellung der Unternehmensberatung zeb auf Basis europäischer Statistiken kamen 2010 hierzulande 509 Zweigstellen von Kreditinstitutionen auf eine Million Einwohner – der Durchschnittswert betrug 527. Zum Vergleich: in Spanien waren es 943, in Österreich 597 und in Italien 567 Zweigstellen pro eine Million Einwohner.
Nicht die Zahl der Banken sei das Problem:
Der Versuch der Banken, die niedrigen Margen durch die Stärkung des vermeintlich lukrativen Investmentbankings zu verbessern, erhöhte bei vielen Instituten lediglich das Risiko. Offensichtlich ist also nicht die Zahl der Banken in Deutschland zu hoch, wohl aber die Renditeerwartung der Banker.
Insofern sollte man die Bedeutung des Investmentbanking für eine Volkswirtschaft nicht überschätzen.  

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen