Freitag, 19. August 2016

Blockchain: Anspruch und Wirklichkeit #3

Von Ralf Keuper

Kann die Blockchain die hoch gesteckten bzw. hoch gezüchteten Erwartungen überhaupt noch erfüllen? Zweifel sind angebracht. 
Die Zukunft der Blockchain könnte recht profan ausfallen, wie Siddharth Kalia in Blockchain Is Supposed to Work in the Background erläutert. 

Er schreibt:
However, looking at blockchain as an application that solves some immediate business need may turn out to be a mistake in the long-run evolution of this technology. It is more plausible that the technology will evolve in a way that makes the blockchain a protocol layer, on which individual applications are then built. Such a system would be preferable in a global marketplace where no financial institution has to play in a system built by a competitor. It would also be preferred by regulators, because it standardizes applications and smart contracts, thus making it easier to monitor systemic risks.
Wie schon andere Autoren vor ihm, stellt Kalia fest, dass die Blockchain eigentlich nur für einen bestimmten Zweck geeignet ist:
The blockchain does one thing really well: help different parties come to an irreversible consensus. That should be the protocol layer. Various applications can then be built on top of that foundation. For example, it is entirely possible to build an application that provides reversible transactions on a blockchain. Or create an automated piece of code (a smart contract) that "pays a dividend" if certain conditions are met.
Ähnlich argumentiert Martin Kuppinger in  Blockchains – wichtig aber bald kaum noch im Gespräch.

Weitere Mängel werden in Transaction confidentiality tops blockchain security concern for banks angesprochen. Große Unsicherheit herrscht, einer Untersuchung des Beratungsunternehmens Greenwich Associates zufolge, beim Einsatz der Blockchain als transparentem Transaktionsprotokoll: 
Confidentiality is compromised by one of blockchain's most lauded features - that it can essentially represent a consolidated audit trail. This level of transparency worries some, says Greenwich, because "banks would be able to see what trades their competitors were doing at what price; in some markets, this could be putting them at a disadvantage."
Zweifel an der Tauglichkeit der Blockchain als Mittel zur eindeutigen Identifizierung im Internet äußert Adam Cooper in Blockchain - don't get carried away by the hype:
There are some basic maturity issues with these technologies including the lack of standards, common terminology, or demonstrable examples of ‘real’ implementations. Some of this is to be expected at this stage but, where there are known scalability and security issues left unanswered, the risk of implementation may outweigh any benefit. Blockchain is unproven. 
Kritisch mit dem Bitfinex-Hack setzt sich der Beitrag Beware The Bitcoin Bail-In auseinander. Leider, so der Autor Ted Baumann, leide Bitcoin inzwischen an denselben Symptomen, die es überwinden wollte: 
But large-scale trading of cryptocurrencies has recreated the exact problem bitcoin was meant to solve: a “single point of failure.” Instead of “users hold(ing) the crypto-keys to their own money and transact(ing) directly with one another,” the global cryptocurrency market is dominated by massive exchanges that operate exactly like banks, except that they are unregulated and make their own rules.
Was aber, wenn sich die zahlreichen technischen Probleme beheben ließen - wäre die Blockchain dann wirklich die Eierlegende Wollmilchsau -  oder gibt es weiterhin fundamentale Grenzen?

Dass wir den Versprechungen der (Hoch-)Technologie gegenüber eine reservierte Haltung einnehmen sollten, war die Ansicht von Niklas Luhmann. Luhmann, alles andere als technikfeindlich, gab zu bedenken:
Der Versuch, sich gegen Risiken der Technik durch Technik zu schützen, stößt offenbar an Schranken. ... (in: Soziologie des Risikos)
An einer anderen Stelle unterschied Luhmann zwischen festen und losen Kopplungen. Die Blockchain kann als Paradebeispiel fester Kopplungen betrachtet werden. 
Andersartige Probleme treten auf, wenn technische Kopplungen komplexer werden, das heisst: aus vielen, verschiedenartigen und im Zeiteinsatz variablen Elementen bestehen. Dann wird Zeit knapp, vor allem Zeit für eine Reaktion auf Überraschungen. Denn feste Kopplung der technisch bestimmten Operationen heisst ja unter Zeitgesichtspunkten: Sofortige Kopplung. Das System muss dann mit Störungen rechnen, für deren Erkennen und Beheben nicht mehr genug Zeitreserven zur Verfügung stehen. Dies Problem ist zunächst unabhängig von der Größe des Schadens, der aus solchen Störungen entstehen kann; aber es gewinnt besondere Bedeutung im Bereich hochriskanter Technologien, die zu Katastrophen führen können und bereits geführt haben (in: Organisation und Entscheidung)
Wollen wir tatsächlich das Risiko eingehen, das Finanzsystem und weitere für die Gesellschaft relevante Bereiche fast ausschließlich über die Blockchain abzubilden? Wäre das Systemrisiko nicht zu groß, das, im Falle seines Eintretens, einer Kernschmelze gleich käme? 

Weitere Informationen:

The Subtle Tyranny of Blockchain

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