Samstag, 13. August 2016

Der Untergang der Herstatt-Bank - und einige aktuelle Parallelen

Von Ralf Keuper

Es war die größte Bankenpleite im Deutschland der Nachkriegszeit, als die Herstatt-Bank aus Köln im Jahr 1974 wegen Überschuldung ihre Tore schließen musste. Zu dem Zeitpunkt wurde die Bank mit einer Bilanzsumme von zwei Milliarden DM auf Platz 35 der größten Banken Deutschlands geführt. Sie war also, um im heutigen Jargon zu sprechen, alles andere als systemrelevant. Trotzdem schlug die Meldung über die Pleite der Bank sowie über die Umstände, die dazu führten, auch im Ausland hohe Wellen. Der Economist stellte fest , die Banker der Welt befänden sich knietief in Trübsinn und Schicksalsergebenheit. Der Spiegel brachte aus Anlass des Untergangs des Bankhauses damals eine mehrteilige, auch heute noch ausgesprochen lesenswerte Serie:
Die Zustände in der Bank waren aus heutiger Sicht abenteuerlich - oder vielleicht auch wiederum nicht, wenn man die Berichte liest, die sich mit Verhalten einiger Banker in den Jahren vor Ausbruch der letzten Finanzkrise beschäftigen. 

Auslöser des Niedergangs der Herstatt Bank waren Devisenspekulationen, genauer gesagt Termingeschäfte. Der Spiegel schrieb damals:
Es gab Monate, das wurden Tag für Tag mehrere hundert Millionen Dollar hin- und hergeschoben. 1973 setzten die sieben Devisenhändler der Bank 63,8 Milliarden Mark in Dollar, Pfund, Gulden und Schweizer Franken um. Im ordentlichen Bankgeschäft war nichts mehr verdient worden (14 Millionen Verlust im Jahr 1973), nur wegen der hohen außerordentlichen Erträge (in diesem Falle: Gewinne aus spekulativen Eigengeschäften) in Höhe von 48 Millionen Mark konnte Herstatt in seinem letzten vollen Geschäftsjahr noch Gewinn ausweisen. 
Grund dafür, dass das Geschäft mit Devisen die Spekulanten, nicht nur in der Herstatt-Bank, anzogen, war die Entscheidung im Jahr 1971, die wichtigsten europäischen Währungen um den US-Dollar floaten zu lassen, d.h. die Währungskurse konnten sich frei einpendeln. Zuvor waren die Kurse festgeschrieben und schwankten nur im geringen Umfang, weshalb Devisenspekulationen im größeren Stil relativ uninteressant waren. Das änderte sich wie gesagt im Jahr 1971. Es wurde attraktiv, wie der Spiegel schrieb, "Devisengeschäft um des Devisengeschäfts willen zu machen", also Geld mit dem Handel mit Geld zu verdienen. In dieser Disziplin sollten einige Banken in den Jahren vor der Finanzkrise 2008 regelrecht brillieren. So richtig verabschiedet haben sie sich von diesem Geschäftsmodell bis heute nicht.

Weiteren Schwung bezogen die Devisenspekulanten aus einer Entscheidung der Bundesbank:
Die Bundesbank ließ 1973 das Geld knapper denn je werden, um die Inflationsrate zu drücken; die Banken musste zum Teil scharfe Ertragseinbrüche hinnehmen, und der Kurs des US-Dollar stützte zunächst sieben Monate unaufhaltsam, um sich dann den Rest des Jahres wieder aufwärts zu entwickeln. Die Spekulation gegen den Dollar war zunächst in der ersten Jahreshälfte ein sicheres Geschäft. Und davon profitierten sowohl die Bank als auch die Angestellten ...
Die Geldpolitik der EZB verläuft heute zwar unter anderen Vorzeichen, und die Situation von 1973 kann nicht direkt mit der von heute verglichen werden. Allerdings leiden die Banken, nach eigenen Angaben jedenfalls, unter der Niedrigzinspolitik der EZB und suchen nach neuen Einnahmequellen. Dabei schenken einige Institute dem Handel mit Wertpapieren als weiterer Erlösquelle erhöhte Aufmerksamkeit, wie Ralf Jasny am Beispiel der Sparkassen untersucht hat

Anders als andere Branchen, die bei Einbrüchen ihres Geschäftsmodells nach neuen Geschäftsfeldern suchen, um nicht unterzugehen, verweilen die Banken in einem konstanten Muster. Gehen die Einnahmen aus der Zinsdifferenz und den üblichen Provisionen zurück, so wird der mehr oder weniger bequeme Weg (Gebührenerhöhungen, Spekulation) gewählt. Hin und wieder eine Finanzkrise. Auf die Idee, sich neuen Geschäftsfeldern zuzuwenden, kommen die Banken nur relativ selten. Das war noch eine Option, als die Rolle der Banken als Risikoverarbeiter und Drehscheibe des Informationsflusses in der Wirtschaft unangefochten war; in Zeiten, in denen große digitale Plattformen bzw. digitale Ökosysteme (Apple, Google, facebook, Amazon, Alibaba) den Fluss der Informationen weitestgehend kontrollieren und selbst Bankdienstleistungen anbieten, ist das keine Alternative mehr - jedenfalls nicht langfristig. 

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