Dienstag, 30. August 2016

Fusionen unter Sparkassen: Ein Allheilmittel?

Von Ralf Keuper

An die Sparkassenorganisation geht von mehreren Seiten die Aufforderung, sie möge die Zahl ihrer Institute (derzeit 410) durch Fusionen reduzieren, um so wettbewerbsfähiger zu werden. Daneben steht das Regionalprinzip in der Kritik

Die Forderung nach einer stärkeren Konzentration bei den Sparkassen und Genossenschaftsbanken steht schon länger im Raum. In Sparkassen und Genossenschaftsbanken – quo vadis? habe ich mich näher mit der Kontroverse aus dem Jahr 2011 "Kooperation im Verbund statt vertikale Konzentration" beschäftigt.

Seitdem hat sich der (Handlungs-) Druck erhöht. Die Zahl der Fusionen bei den Sparkassen und Genossenschaftsbanken hat in den letzten ein bis zwei Jahren deutlich zugenommen. Auf diesem Blog nachzulesen in: 
Seit der Veröffentlichung wurden weitere Fusionen angekündigt oder vollzogen (Auswahl):
Die Fusionswelle ist also im vollen Gange, ein Ende noch nicht abzusehen. Einige, wie der Chef der Volksbank Ludwigsburg in einem Interview, bevorzugen Kooperationen, lehnen Fusionen aber nicht per se ab. 

Es gibt Stimmen, die in den Fusionen kein Allheilmittel sehen und für die Beibehaltung des Regionalprinzips sowie für das Geschäftsmodell der Universalbank plädieren. Beispiel dafür ist Stefan Gärtner in Gefährliche Größe. Dass Fusionen bzw. Größe allein nicht der alleinige Maßstab sein könne und das Regionalprinzip seine betriebswirtschaftliche Berechtigung habe, belege, so Gärtner, die Sparkassenkrise in Spanien. Als weiteres Beispiel könnte man m.E. die Sparkassenkrise in den USA in den 1980er Jahren bringen.

Zwar bereite das Niedrigzinsumfeld den Sparkassen Probleme, ebenso wie die die Umsetzung der regulatorischen Bestimmungen auf die Erträge drücke; das Heil in Fusionen und vermeintliche Kostendegressionen aufgrund von Skalen- und Lernkurveneffekten sowie Synergien zu suchen, wie das Unternehmensberater gerne propagieren, sei der falsche Weg - das Beispiel Spanien lässt grüßen. In der Tat sei es in der Vergangenheit zu Fällen gekommen, in denen es Vorstände und Verwaltungsräte an der nötigen Sorgfalt hätten fehlen lassen. Es handele sich dabei aber um Einzelfälle, die keine weiteren Rückschlüsse auf das Ganze zuließen. Ohne die Sparkassen sähe es um die Kreditversorgung deutlich schlechter aus. 

Alles in allem bestehe für die Sparkassen kein Grund zur Sorge. Von einem Reformstau in den Sparkassen könne keine Rede sein, er existiere eher in den Köpfen bzw. auf den Power Point-Folien der Berater. Auch die Digitalisierung ändere an dem Befund wenig bis gar nichts, wenngleich sie ernst zu nehmen sei.

Bewertung:

Die Argumente, die Gärtner bringt, sind nachvollziehbar und plausibel. Dass Fusionen nicht das Allheilmittel sind, wird durch die Wirtschaftsgeschichte immer wieder belegt. Zwei Unternehmen, die sich mit einem ähnlichen Geschäftsmodell in demselben Markt bewegen, werden dadurch nicht automatisch stärker, vor allem dann nicht, wenn die Fusion aus einer Notlage heraus oder aber angesichts sinkender Erträge und Marktanteile erfolgt. Ein Geschäftsmodell, das sich überholt hat, kann durch Fusion und Größenvorteile nicht gerettet werden. Das alte Univeralbankmodell, für das Sparkassen stehen, hat sich weitgehend überholt - und das nicht nur wegen der sog. Disintermediation und der zahlreichen Fintech-Startups. Alles aus einer Hand anbieten zu wollen, ist selbst für die größten Bankinstitute kaum noch wirtschaftlich. 

Sicherlich hat das Regionalprinzip auch weiterhin Vorteile: Es kann nicht von Schaden sein, mit den örtlichen Gegebenheiten vertraut zu sein und einen Bezug zur Region herzustellen und zu pflegen. Ferner leisten viele Sparkassen einen wichtigen Beitrag zum Gemeinwohl, indem sie einen Teil ihrer Gewinne an die Kommunen ausschütten oder für wohltätige, gemeinnützige Zwecke einsetzen. Richtig ist aber auch, dass das Internet, über das ein immer größerer Anteil der Bankgeschäfte abgewickelt wird, kein Regionalprinzip kennt. Hier haben wir es mit einer neuen Situation zu tun. Weiter so! ist keine Option mehr. Für diesen Befund spricht u.a. die schwache Akzeptanz von paydirekt, dem Online-Bezahldienst der Deutschen Kreditwirtschaft. 

Freilich kann man über die Aussagekraft der Skandale und anderer Verfehlungen in den Sparkassen streiten; der Behauptung, es handele sich nur um Einzelfälle, darf indes widersprochen werden, wie auf diesem Blog in: 
Was die Rentabilität der Sparkassen und ihre Rolle für die Kreditversorgung der deutschen Wirtschaft betrifft, kommt Ralf Jasny in Wertpapiergeschäfte der Sparkassen. Eine Analyse der Anlegepolitik der deutschen Sparkassen zu einer etwas anderen Bewertung. Auszug aus der Pressemitteilung:
Die Untersuchung hat ergeben, dass 72 Sparkassen (rund 17 % aller Sparkassen) weniger als die Hälfte ihrer Bilanzsumme als Kredite an Kunden vergeben, bei acht Sparkassen liegt die Quote bei unter 30 %. Stattdessen werden die Kundengelder überwiegend in Schuldverschreibungen angelegt. „Diese Anlagepolitik hat mit der Erfüllung des gesetzlich verankerten öffentlichen Auftrags der Versorgung der regionalen Wirtschaft mit Krediten nichts mehr zu tun“, kommentiert Prof. Dr. Ralf Jasny, Professor für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre und Finanzdienstleistungen an der Frankfurt UAS, die Ergebnisse. „Es entsteht der Eindruck, dass sich manche Sparkassen mehr auf den Wertpapierhandel konzentrieren als auf das Kreditgeschäft mit regionalen Kunden. Die Filialschließungen vielerorts passen hier ins Bild.“
Angenommen, Gärtner liegt richtig: Reicht es für die Sparkassen künftig wirklich aus, auf die Verwurzelung in der Region zu setzen, das Universalbankmodell alten Stils hoch zu halten, die Digitalisierung als notwendiges Übel bzw. weiteren Vertriebs- oder Interaktionskanal zu betrachten und darauf zu setzen, dass die Niedrigzinspolitik abgelöst wird? Haben wir es mit so einem - weitgehend - statischen Marktumfeld im Banking zu tun?  Oder bekommen wir in Zukunft andere Banken

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