Donnerstag, 29. September 2016

Lösungen für die digitale Identifizierung (Marktüberblick und -aussicht)

Von Ralf Keuper

Die Kunden wollen heutzutage ihre Geschäfte am liebsten von zuhause aus oder über ihre mobilen Endgeräte abschließen. Eine Schlüsselstellung haben dabei die Identifizierungstechnologien, die ein digitales Onboarding ermöglichen, d.h. der Kunde kann sich über das Internet ausweisen.

Rückblick

In der Vergangenheit waren Kunden, die ein Bankkonto eröffnen wollten, gezwungen eine Filiale aufzusuchen. Die Identifizierung erfolgte am Bankschalter durch den Personalausweis.
Mit dem Aufkommen der Direktbanken, die über keine eigenen Filialen mehr verfügten, übernahm die Post die Identifizierung der Neukunden mit dem Post-Ident-Verfahren. Der Kunde muss sich dazu mit seinem Ausweis in eine Postfiliale begeben, wo dann seine Identität bestätigt wird. Mit der Zulassung des Video-Ident-Verfahrens durch die BaFin im März 2014 kam eine weitere Option hinzu. Die Kunden konnten nun per Video identifiziert werden.

Neuer Schwung durch Video-Ident 

Der Markt für die Identifizierung der Kunden beim digitalen Onboarding ist in den letzten Jahren vor allem durch der Verbreitung des Video-Ident-Verfahrens in Bewegung geraten. Als Pioniere gelten WebID und IDnow. Daneben steht mit der Identity Trust Management AG ein Anbieter, der beide Welten - online und offline - abdeckt und damit ein Allrounder ist. Und nicht zu vergessen: Die Post. Ein weiterer Marktakteur ist die Cybits AG, die sich als digitales Einwohnermeldeamt im deutschen Internet etablieren will. In den Startlöchern steht Authada. Dort setzt man ganz auf die Möglichkeiten des neuen Personalausweises nPA bei der mobilen Identifizierung mit dem Smartphone. 

WebID und IDnow im Visier der Post

Momentan befindet sich die Post auf Konfrontationskurs zu WebID und IDnow, worüber Capital in Deutsche Post will Fintechs plätten und in Post klagt gegen Fintech - und schiesst Eigentor berichtete.

Gesetzliche Bestimmungen als Treiber der Marktentwicklung

Ein ähnlicher Schub, wie zuvor von dem Video-Ident-Verfahren, könnte von der eIDAS-Verordnung ausgehen. Damit ist es möglich, Identifizierungs- und elektronische Signaturdienste in allen europäischen Mitgliedsstaaten einheitlich anzubieten. Im Zentrum steht dabei die Qualifizierte elektronische Signatur, die die Schrifterfordernis für viele Rechtsgeschäfte ersetzt. Auf diese Weise könnten die Anbieter von Identifizierungslösungen ihr Geschäftsfeld erweitern, oder in den Worten von Sebastian Bärhold von IDnow
Die digitale Identität und die Automatisierung von Geschäftsprozessen stehen in vielen Industrien wie der Finanzbranche, dem Gesundheitsbereich oder im staatlichen Bereich in Europa noch ganz am Anfang und versprechen ein riesiges Marktpotential.
Profiteure dieser Entwicklung sind die Anbieter sog. Vertrauensdienste für elektronische Signaturen und Genehmigungen, wie DocuSign und die Bundesdruckerei.

Von nicht zu unterschätzender Bedeutung ist die EU-Richtlinie PSD2, die die Banken dazu verpflichtet, ihre Infrastruktur u.a. für Account Information Service Providers zu öffnen. Damit könnte das Credential Sharing eine wichtige Rolle bei der digitalen Identifizierung übernehmen. Ob die Banken über diese Entwicklung erfreut sind, ist eine Frage , ebenso wie es offen ist, ob dies zu einer Disruption im Banking führt, wie in PSD2 ‘Access to Account’ (XS2A): time to get real about banking API business strategies skizziert. Einen guten Überblick gibt der Beitrag How does PSD2 affect bank customers' digital identity?. Darin werden die Ebenen Identifizierung, Authentifizierung und Autorisierung näher erläutert. 

Aktuelle Entwicklungen und Herausforderungen

Wie das Rundschreiben der BaFin Anforderungen an die Nutzung von Videoidentifizierungsverfahren bei der Kontoeröffnung vom April diesen Jahres zeigt, könnte das Video-Ident-Verfahren deutlich an Attraktivität für die Kunden und Anbieter verlieren. Die Regelung wurde auf Druck der Banken und Fintech-Startups zunächst ausgesetzt

Ein weiterer Anpassungsdruck könnte von den Telekommunikationsunternehmen ausgehen, die mit Mobile Connect versuchen, einen Standard für die digitale Authentifizierung zu setzen. Ähnliches gilt für die Fido (Fast Identity Online) Alliance, die von namhaften Unternehmen unterstützt wird, darunter Alibaba, American Express, Bank of America, Intel und Lenovo. Erwähnenswert in dem Zusammenhang ist TeleSign in Australien. Hinzu kommen noch staatliche Identifizierungslösungen wie e-Residency in Estland, BankID in Norwegen, GOV.UK Verify in Großbritannien und Aadhaar in Indien. 

Neu in das Geschäft mit der digitalen Identifizierung eintreten können auch Anbieter von Personal Data Stores, wie Digi.me

So viel kann man jetzt schon sagen: In Zukunft wird die Mobile ID eine Schlüsselfunktion in der digitalen Ökonomie übernehmen. Die Szenarien reichen dabei vom Mobile-Single-Sign On über die Mobile Digital Signature bis hin zu Mobile as Personal Trusted Device.

Wie Rudolf Linsenbarth unlängst in Mobile Identität. Der Personalausweis und das Smartphone in c´t feststellte, stösst die Verwendung des neuen Personalausweises (nPA) bei der digitalen Identifizierung in der Realität auf Hürden. 

Noch nicht abzusehen sind die Auswirkungen der Verbreitung biometrischer Verfahren und der Blockchain-Technologie. 

Der Markt formiert sich neu

Eins ist sicher: Der Markt für die digitale Identifizierung wie überhaupt für digitale Identitäten hat großes Potenzial. Momentan sind die Anbieter dabei, sich zu positionieren, was angesichts der technologischen Entwicklung und der regulatorischen Risiken alles andere als einfach ist. Wer macht das Rennen? Werden künftig einige spezialisierte Anbieter den Markt dominieren oder erobern die großen Internetkonzerne (facebook, Apple, Google) das Feld ? Was ist mit den Banken? Was mit den Telekommunikationsunternehmen mit Mobile Connect und dem M4D Digital Identity Programme? Welche Partnerschaften und Allianzen werden sich bilden? Was für Auswirkungen hat PSD2? Welche Rolle spielen die Regierungen? Was machen die Industrieunternehmen, wie VW mit der VW-ID? Was ist mit der POSTID? Kurzum: Who will control the identity of the future?
Überhaupt: Was geschieht, wenn die Anwender künftig über die Verwendung ihrer Daten (mit-)bestimmen, wie es u.a. die General Data Protection (GDPR) vorsieht? 

Liegt die Zukunft ausschließlich im Online-Bereich?

Es scheint eigentlich offensichtlich bzw. unausweichlich, dass die Identifizierung in naher Zukunft nur noch digital erfolgen wird. Nur - was ist, wenn die Online-Identifizierung - aus was für Gründen auch immer - nicht erfolgreich durchgeführt werden kann? Welche Auswirkungen hat das auf die Conversion-Rate? Es wird auch in Zukunft noch genügend Menschen geben, die den Gang in eine Filiale oder einen Shop der Online-Identifizierung vorziehen, wovon Anbieter wie die Post und die Identity Trust Management AG profitieren dürften. Wie wichtig ist die persönliche Begegnung? Eine Frage, die ja auch mit Blick auf die Zukunft der Filialen gestellt wird. 

Bei der Timpson Group in England ist man davon überzeugt, dass auch in Zukunft der persönliche Kontakt - face to face - Bestand haben wird. Mit dem Identity Shop ArkHive setzt das Unternehmen, das u.a. ein führender Anbieter von ID-Fotos in Großbritannien ist, ein Zeichen. 

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen