Samstag, 3. September 2016

Wie ein Textilkonzern die einst zweitgrößte Bank Deutschlands zum Absturz brachte

Von Ralf Keuper

Vielen Banken wurde ihre Nähe bzw. Abhängigkeit zu ihren größten Kreditnehmern zum Verhängnis. So war es schon im Mittelalter, als die Bardi und Peruzzi durch den Ausfall bzw. die Zahlungsverweigerung ihres größten Schuldners, des englischen Königs, Bankrott gingen. Einer der wenigen Bankiers jener Zeit, der dieses Spiel beherrschte, war Jakob Fugger. Ein anderer, Francesco Datini, vermied in die Rolle des Hausbankiers der Fürsten und Könige zu schlüpfen. 

In den 1980er Jahren brachte der schillernde Baumaschinen-König Horst Dieter Esch die traditionsreiche SMH-Bank zu Fall. Jahre später beendete das Engagement beim Arcandor-Konzern die 200jährige Geschichte von Sal. Oppenheim

Etwas ähnliches ereignete sich im Jahr 1931. Hauptakteure waren neben der damals zweitgrößten deutschen Bank, der Darmstädter und Nationalbank (DANAT), der sog. Nordwolle-Konzern aus Bremen, der von dem Kaufmann Georg Carl Lahusen in vierter Generation zum größten Textilkonzern Europas aufstieg. Wie sich erst später herausstellte, fälschte Lahusen über Jahre die Bilanzen des Konzerns. Ansonsten hätte Nordwolle Verluste ausweisen müssen, welche die Existenz des Unternehmens gefährdet hätten. Größter Gläubiger der Nordwolle war eben jene Darmstädter und Nationalbank. Das Engagement der Bank belief sich auf die für die damalige Zeit riesige Summe von 48 Millionen Reichsmark. Ein Ausfall des Schuldners Nordwolle hätte gravierende Auswirkungen auf die Bank gehabt. Das war dem damaligen Chef der Bank, Jakob Goldschmidt, vollauf bewusst. Als sich die Lage auf den internationalen Kapitalmärkten verschlechterte und Goldschmidt sicher gehen wollte, dass sein größter Schuldner solvent war, beauftragte er einen seiner Mitarbeiter, Max Doerner, mit der Prüfung der Bücher und Bilanzen von Nordwolle. Was dieser dann zu Tage förderte, löste im Jahr 1931 die bis dahin größte Bankenkrise in Deutschland aus. Nordwolle arbeitete schon seit Jahren mit Verlust, die Unternehmensleitung hatte u.a. die Preisentwicklung für Wolle falsch eingeschätzt. Es war nicht mehr zu leugnen, dass der Nordwolle-Konzern bankrott war. Damit geriet auch die DANAT in eine bedrohliche Lage. Am 13 Juli 1931 musste die Bank ihre Schalter schließen, da ihr das Bargeld ausging, wie Johanna Lutteroth in ihrem ausgesprochen lesenswerten und informativen Beitrag Bankenkrise 1931 - Als ein deutscher Wollbaron die Welt erschütterte schreibt. 

Jedoch war das Engagement bei der Nordwolle nicht die alleinige Ursache für den Niedergang der DANAT. Auf Wikipedia heisst es:
Die Bankenkrise der Danat-Bank wurde von zwei Faktoren ausgelöst. Einerseits zogen ausländische Anleger bei allen deutschen Banken einen Großteil ihrer Bankguthaben ab, was die Danat am stärksten traf. Neben diesem exogenen Faktor sah sich die Danat-Bank einem hohen Kreditrisiko gegenüber. Das Kreditvolumen ihres Kreditnehmers Norddeutsche Wollkämmerei & Kammgarnspinnerei (Nordwolle) - der Bilanzfälschungen vorgeworfen wurden - betrug im Juli 1931 bei der Danat-Bank 48 Millionen RM. Die Verluste bei Nordwolle wurden auf bis zu 240 Millionen RM geschätzt, so dass sie am 21. Juli 1931 Konkurs anmeldete. Dadurch war die Danat-Bank gezwungen, ihren Kreditausfall abzuschreiben; so dass die Danat-Bank Verluste in Höhe von 45 Millionen RM auszuweisen hatte. Ihr Grundkapital betrug nominell 60 Millionen RM, doch hatte die Danat-Bank im großen Stil eigene Aktien zurückgekauft und hiervon 35 Millionen RM im Bestand, wodurch das tatsächliche Grundkapital lediglich 25 Millionen RM betrug und die Verluste von 45 Millionen RM nicht decken konnte. Die Summe der Großkredite der Danat-Bank überstieg ihrhaftendes Eigenkapital um mehr als das Zwanzigfache. Bereits am 13. Juli 1931 musste die Danat-Bank wegen Zahlungsunfähigkeit ihre Schalter schließen.
Die Auswirkungen der Aktienrückkaufprogramme sind, wie Eva Terberger und Stefanie Wettberg in Der Aktienrückkauf und die Bankenkrise von 1931 im Jahr 2005 darlegen, bisher nicht ausreichend gewürdigt worden, ebenso wie die Parallelen zur heutigen Zeit (2005) zu wenig beachtet würden. 

Der damaligen Regierung unter Reichskanzler Heinrich Brüning gelang es, einen Zusammenbruch des deutschen Bankensystems zu verhindern: 
Die Regierung Brüning I ordnete daraufhin drei Bankfeiertage an, betrieb die Fusion der Danat-Bank mit der Dresdner Bank und trug im Zuge der Fusion eine Kapitalerhöhung um 300 Prozent. Dadurch ging die „neue“ Dresdner Bank zu 75 Prozent in Reichsbesitz über (Quelle: Wikipedia)
Der WDR spannt anlässlich des 80. Jahrestages des Zusammenbruchs der DANAT den Bogen zur jüngsten Finanzgeschichte: 
Mit einer Reihe restriktiver Notverordnungen bekommt die Regierung die Vertrauenskrise schließlich in den Griff.Erstmals wird eine generelle Bankenaufsicht, das "Kuratorium für das Bankgewerbe" eingeführt, zudem eine Konzessions- und Berichtspflicht für Geldinstitute. Vorschriften über Liquidität, Eigenkapital und die Vergabe von Großkrediten schaffen die Grundlage des heute für das Finanzwesen geltenden Regulierungssystems. Dessen Lücken werden erstmals durch den Zusammenbruch der Kölner Herstatt-Bank 1974 und und später durch die Krisen der Landesbanken offenbar. Auch den Crash der Hypo Real Estate in jüngster Zeit hat die staatliche Bankenkontrolle nicht verhindern können.

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