Sonntag, 16. Oktober 2016

Als Ludwig Bölkow sich kurzfristig um eine neue Finanzierung kümmern musste

Von Ralf Keuper

Dass Banken Firmenkunden relativ kurzfristig die Kredite kündigen, kann, aus unterschiedlichen Gründen, immer wieder mal vorkommen. Diese Erfahrung musste auch Richard Branson machen, als er mit seiner Fluglinie Virgin Atlantic Airways an den Start ging. Ähnlich erging es Jahrzehnte zuvor dem Luft- und Raumfahrtpionier Ludwig Bölkow. In seinen Erinnerungen berichtet Bölkow davon, wie ihm die Dresdner Bank einen 30 Millionen-Kredit kurzfristig kündigte. Glücklicherweise fand Bölkow einen Bankier alter Schule, Hans Christoph Freiherr von Tucher, der ihm aus der Patsche half: 
Eines Tages rief mein Prokurist Richard Schreiber an, er sei in der Stadt bei der Dresdner Bank. Deren Filialleiter Haeusgen habe ihm soeben eröffnet, dass er unseren Kredit von 30 Millionen "kurzfristig" kündigen müsse. Er sei diesbezüglich von Frankfurt angewiesen worden. Die Bank wolle sich in der Luftfahrt auf ein oder zwei größere Unternehmen konzentrieren. ..

Was sollte ich tun? Wo sollte sich plötzlich einen neuen Kredit über 30 Millionen hernehmen. Die Gedanken wirbelten mir durch den Kopf. Wer steckte wohl hinter diesem Coup der Dresdner Bank? Wer wollte uns fertigmachen?

Innerhalb weniger Minuten hatte ich mir einen Plan zurechtgelegt: Ich rief Hans Christoph Freiherr von Tucher an, den Sprecher der Bayerischen Vereinsbank, bei der schon ein ungesicherter Kredit von 33 Millionen auf unserem Namen lief, und bat ihn um einen sofortigen Termin. 

Dann sprang ich ins Auto und fuhr zur Vereinsbank. Dort schilderte ich Baron Tucher unsere Lage. Er, ein rundlicher, sehr bayerischer Herr mit hellgrauem Schnauzbart, hörte sich die Sache an und schüttelte immer wieder mit dem Kopf. ..   
Er räusperte sich: "So kann man mit jungen Betrieben nicht umgehen". Er rief seinen Sekretär, von Reuß, und ließ sich ein Scheckbuch bringen. Gleichzeitig musste ich im Vorzimmer von Haeusgens anrufen, wo inzwischen Schreiber saß und wartete. Man konnte über die Straße hinüber fast dort ins Zimmer sehen. Baron Tucher bat mich, nach dem Stand unseres Kreditkontos zu fragen. Er schrieb dann einen Scheck über diese Summe aus und ließ ihn sofort zu Richard Schreiber hinüberbringen. Die Firma war gerettet. Ich atmete auf. Gleichzeitig wurde mir aber bewusst, was das bedeutete: Ich stand nun bei der Bayerischen Vereinsbank mit 63 Millionen Mark in der Kreide. Alles war ein reiner Personenkredit, noch ohne zedierfähige Sicherheiten.

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