Dienstag, 28. Februar 2017

Blockchain als Ausdruck des Stilwandels im Banking

Von Ralf Keuper

Unter den zahlreichen Veröffentlichungen zum Thema Blockchain bzw. Blockchain-Technologie der letzten Zeit, hebt sich für mich der Beitrag The great blockchain ruse wohltuend ab. Darin wirft der Autor Matthew Smith einen relativ nüchternen Blick auf den aktuellen Stand und die weitere Entwicklung der Blockchain-Technologie. Smith nimmt Bezug auf das Paper Bitcoin, Blockchain& distributed ledgers: Caught betweenpromise and reality von Peter Evans-Greenwood u.a. . Über die eigentlichen Herausforderungen liest man darin:
We believe, like cloud computing, the emergence of blockchain does signal something new. The challenge is to cut through the noise and understand what new capabilities are implied, what new solutions are enabled, and what is beyond the reach of the technology. To put it more succinctly, we need to understand what blockchain can and can’t be.
Die Autoren schließen mit der Bemerkung:
What is clear is that we’re moving to an environment where our old centralised solutions are gradually being replaced by decentralised or distributed solutions. This trend is visible from decentralised power and utilities, through the maker movement and decentralised production and manufacturing, to distributed ledgers and the possibility of distributed finance. Bitcoin and blockchain appear to be the canaries in the coal mine showing us we’re at the start of a new era.
Die Blockchain als umwälzende Technologie zu interpretieren, verstellt nach Ansicht der Autoren den Blick auf das echte Potenzial aber auch auf die Voraussetzungen, die gegeben sein müssen, damit die Blockchain-Technologie ihr Versprechen halten kann. 
Diese Haltung passt gut zum Konzept des Wirtschafts- bzw. Bankstils, wie in Was ist ein "Bankstil"? (Grundlegung eines neuen Begriffs) #1 beschrieben. Jede Epoche ist durch einen bestimmten Wirtschaftsstil gekennzeichnet. Dieser setzt sich zusammen aus den Stilelementen:
  • Zeitgeist
  • Natürliche und technische Grundlagen
  • Gesellschaftsverfassung
  • Wirtschaftsverfassung
  • Wirtschaftslauf
Der Zeitgeist ist, in den industrialisierten Ländern, geprägt von dem Drang nach ständiger, ortsunabhängiger Kommunikation und Selbstbestimmung sowie dem Aufkommen dezentraler Organisationsformen mit ihren Auswirkungen auf den (Arbeits-)alltag. Zu den natürlichen und technischen Grundlagen können im vorliegenden Fall die Blockhain-Technologie und Bitcoin gerechnet werden. Damit diese aber ihre Wirkung entfalten können, sind Änderungen in der Gesellschafts-( das gesellschaftliche Verbundensein, gesellschaftliche Zusammensetzung) und Wirtschaftsverfassung (Eigentum,  wirtschaftliche Institutionen wie Unternehmen, Staat und Preisbildung und Distributionsmechanismus) nötig. 
Die bislang gültige Vorstellung von Verbundenheit hat sich in den letzten Jahre/Jahrzehnten gewandelt. Davon betroffen ist u.a. die regionale Verbundenheit, die im Banking von den Sparkassen und Genossenschaftsbanken repräsentiert wird. Das Problem dabei ist, dass das Internet kein Regionalprinzip im bisherigen Sinne kennt. Hinzu kommen neue Organisationsformen, wie die Plattformökonomie, die Unternehmen im Wettbewerb bevorteilt, die über eine große Reichweite an Nutzern im Internet sowie über große Datenmengen, Hardware und Software verfügen. Beispielhaft dafür sind Apple, Google, Alibaba, Samsung, facebook und Amazon. Wir haben es hier mit einem Konzentrationsprozess zu tun, der sich diametral zur Dezentralisierung verhält, auf welche die Blockchain-Technologie angewiesen ist bzw. welche sie durchsetzen will. 
Die Eigentumsfrage erstreckt sich mittlerweile auf die personenbezogenen Daten der Nutzer ebenso wie auf die Maschinendaten. Der Wirtschafts- und bzw. Konjunkturverlauf, wie er u.a. durch Finanz- und Wirtschaftskrisen zum Vorschein kommt, kann zu einem Aufschwung für die Blockchain-Technologie führen, sofern sie es bis dahin geschafft hat, die drängenden Fragen nach Sicherheit, Machtkonzentration, Ressourcenverbrauch und Manipulation zur Zufriedenheit aller zu beantworten. Das wiederum würde eine andere Markt- und Bankenaufsicht zur Folge haben. Inwieweit muss das Kartellrecht angepasst werden? Brauchen wir dann noch Zentralbanken, wie erfolgt die Geldschöpfung usw. ? Welche Anpassungen am Rechtssystem sind erforderlich? Gilt künftig die Regel "Code is Law?". 

Alles in allem sind die nötigen Voraussetzungen ihrer Natur nach so vielschichtig und vom Zeitverlauf unterschiedlich, dass es zum jetzigen Zeitpunkt unmöglich ist, die Erfolgsaussichten der Blockchain-Technologie einzuschätzen. An technologischen Fragen wird es wohl nicht scheitern

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